Die Nutscheidstraße

Richard Jilka

Im Volksmund und auf Landkarten wird der von Altenbödingen bis östlich von Waldbröl über den Kamm des Nutscheids verlaufende Weg sowohl "Nutscheidstraße wie "Römerstraße genannt. Selbstverständlich war dieser Weg keine römische Straße, da das am Rhein endende römische Imperiums kein Geld für Infrastrukturmaßnahmen im feindlichen Ausland ausgab. Die Bezeichnung "Römerstraße deutet an, daß sich die Menschen als den frühesten Erbauer und Nutzer solcher Durchgangswege nur die römische Zivilisation vorstellen konnten. Aber Straßen und Fernhandel gehörten schon zur vorgeschichtlichen Wirtschaft. Die Nutscheidstraße wurde ebenso wie die Zeitstraße zweifellos in der vorrömischen Eisenzeit genutzt. Beide Altwege kommen von Bonn, das einen keltischen Namen trägt. Da die alte Zeitstraße nur bis Much nachgewiesen werden kann, ist die Nutscheidstraße vermutlich die älteste Verbindung zwischen den linksrheinischen Kelten und dem Siegerland, wo im 3. vorchristlichen Jahrhundert Kelten nach Erz gruben. Es ist Möglich, daß mehrere Altwege, die aus dem Westerwald kommend bei Windeck-Dreisel und Herchen-Übersehen die Sieg überqueren, in Verbindung mit der Nutscheidstraße schon in der Bronzezeit oder noch früher genutzt worden sind. Wann auch immer Menschen unsere Gegend durchzogen, bot sich die Wasserscheide an, ihnen zumindest als Saumpfad zu dienen. Der Weg über den Nutscheid weist uns darauf hin, daß es zwischen Sieg und Bröl auch vor den Zeiten, von denen wir genauere Kunde haben, menschliches Leben und Betrieb gegeben hat.

Gemäß einer alten Sage soll der Nutscheid ursprünglich ein Riese gewesen sein, der über Langeweile klagte, weshalb ihn einer der damaligen Götter zur Strafe in einen Berg verwandelt habe, über dessen Rücken durch alle Zeitläufte hindurch rastloses Leben hinweg strömt.

Dem in vorgeschichtlicher Zeit über die Wasserscheide des Nutscheids führenden Weg folgte die gut nachweisbare mittelalterliche Trasse. Der Weg führte aus dem Mündungsgebiet der Sieg in der Bonner Ebene durch die südliche Siegburger Bucht über Geistingen, kreuzte bei Hennef-Warth die alte Frankfurter Straße, passierte bei Weldergoven eine Furt über die Sieg und stieg über Müschmühle oder Bödingen den Nutscheid hinan, an dessen Ende er östlich von Waldbröl bei Erdingen auf die Brüderstraße traf; oder traf dort die Brüderstraße auf die Nutscheidstraße?

Von dem Verkehrsknotenpunkt Erdingen konnte man über die Verzweigungen der Brüderstraße Siegen oder den Hellweg erreichen. Vom 12. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts war die Nutscheidstraße neben der Brüderstraße die wichtigste Fernverbindung durch das südliche Bergische Land. In einem Grenzweistum von 1464 wird sie als "die hoestraisse erstmals erwähnt und erscheint in den folgenden Jahrhunderten in vielen verschiedenen Schreibweisen. Ihre wechselnden Namen wurden meist mit den Attributen "alt und "hoch versehen, weil sie älter als andere Wege war.

Erst nachdem die Hänge und Hügel neben Sieg und Bröl zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert besiedelt worden waren, kreuzten die über den Nutscheid führende Wegachse die Verbindungswege zwischen Kirchdörfern wie: Eitorf – Winterscheid, Herchen – Ruppichteroth, Dattenfeld/Windeck – Bladersbach, Rosbach – Waldbröl, Morsbach – Denklingen. Ihrer damaligen Funktion und Bedeutung entsprechend wird die Nutscheidstraße auf der Mercatorkarte des Amtes Windeck und der Herrschaft Homburg von 1575 in kräftigen Farben mit ihren Verzweigungen genau verzeichnet. Offensichtlich war sie der durch die Mitte dieses Gebietes führende zentrale Weg, zu dem es wenig Alternativen gab.

Bis ins Mittelalter waren hier die von den Höfen und Weilern ausgehenden Feld- und Viehwege nahezu die einzigen befahrbaren Wege. Zu Kirche, Friedhof und Markt führten in der Regel Fußpfade. Sehr wahrscheinlich wurden die Verbindungswege zwischen den Kirchdörfern und zu der Fernstraße ebenso wie Kirch-, Leichen- und Mühlenwege erst im 16. und 17. Jahrhundert als Fahrwege angelegt oder ausgebaut. Indem sich der Warenaustausch seit dem 15. Jahrhundert vervielfachte, wurden bis zum 17. Jahrhundert im Fernhandel Kiepen und Handkarren von Pferdekarren und sogar vierrädrigen Wagen verdrängt; die Ansprüche an Fernstraßen wuchsen.

Der zeitgemäße Ausbau des feuchten und morastigen Weges durch den Nutscheid erschien im 18. Jahrhundert dem Landesherren zu kostspielig, weshalb der Postweg von Köln über Seelscheid gelegt wurde und die Nutscheidstraße ihre zentrale Bedeutung verlor. Nachdem auch noch feste Straßen und Eisenbahnen durch die Täler von Sieg und Bröl führten, wurde die Nutscheidstraße seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Durchgangsverkehr nicht mehr genutzt. Da ihr nicht einmal eine kleinräumig Funktion als durchgehende Verbindungsstraße blieb, ist sie ein ruhiger Feld- und Waldweg geworden. Im Unterschied zu anderen alten Fernwegen wurde der abgelegen Weg zwischen Bödingen und Waldbröl in neuerer Zeit nur wenig verändert oder bearbeitet und ermöglicht auf etwa 30 km einen außergewöhnlich guten Einblick in die Trassenführung eines dazumal bedeutenden Überlandweges. Der Nutscheid verbirgt hunderte von Hohlwegen, auch mehrere mittelalterliche Abschnittslandwehren und Höhensperren sind in gutem Zustand erhalten.




Die Rennenburg

Folgt man dem Weg von Winterscheid-Schreckenberg nicht hinab ins Derenbachtal, sondern geht am Holzkreuz von 1788 weiter in den Wald hinein, gelangt man mit etwas Aufmerksamkeit in die Tiefe der Zeit. Westlich von Winterscheid bildet ein auslaufender Bergrücken des Nutscheids im Winkel von Bröl und Derenbach einen Sporn, den Rennenberg. Auf ihm sind mehrere Wälle mit Gräben und ein Ringwall deutlich zu sehen, es sind die Reste der Rennenburg. Neben dem Waldweg bemerkt man bald den ersten Abschnittswall, der den Hügel gegen Osten abriegelt. Die weitläufige Anlage war nicht nur für Menschen bestimmt war, auch Vieh mußte hinter den Vorwerken Schutz finden. Der Weg in den Kern der Burg führt an einem etwa 3 m hohen Erdhügel vorbei, der vermutlich vom ehemaligen Tor oder einem Wachturm übriggeblieben ist. Das Plateau auf dem Hügel (150 x 80 m) umschließt ein verhältnismäßig niedriger Ringwall. Mehr war offensichtlich nicht nötig, da den eigentlichen Schutz die nach drei Seiten steil abfallenden Hänge des Rennenbergs bieten, die unten von Bröl und Derenbach wie von Wassergräben umflossen werden.

Die Rennenburg wurde mit Unterbrechungen seit dem ersten vorchrist-lichen Jahrhundert bis zum Mittelalter genutzt. Die Bauweise solcher Anlagen war von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter allgemein verbreitet. Wände aus Baumstämmen oder Balken bildeten einen Zwischenraum, der mit Erde und Steinen ausgefüllt wurde, darauf wurden eine mehr oder weniger hohe Brustwehr und andere Aufbauten aus Holz errichtet. Mit der Zeit verrottete das Holz, das Bauwerk verfiel und Erdwälle blieben übrig. Die bei den Wällen auf dem Rennenberg gefundenen Keramikscherben stammen hauptsächlich aus dem 9. und 10. Jahrhundert, aus karolingischer und ottonischer Zeit. Der Nutscheid lag auch vor mehr als 1000 Jahren nicht außerhalb der Welt, sondern politische und kriegerische Ereignisse im Rheinland werden je nach dem einen Wiederaufbau oder Ausbau oder den Verfall der Burg zur Folge gehabt haben.

Der Günstig gelegene Platz auf dem Sporn des Rennenbergs ist mehr-fach als Verteidigungsanlage genutzt worden. Wegen der Bedrohung durch das Reitervolk der Ungarn, die etwa ab 900 in deutschen Land-schaften bis über den Rhein (z.B. 911 Köln) hinweg plünderten, brandschatzten und Sklaven fingen, erließ König Heinrich I. 926 eine Burgenordnung. Überall im Land mußten befestigte Plätze angelegt werden, wohin die Bevölkerung mit ihrer wichtigsten Habe sofort fliehen können sollte, wenn plötzlich die wilden Reiter in der Gegend erschienen. Aber erst König Otto I. gelang es, die Ungarn 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg so vernichtend zu schlagen, daß sie danach in ihrem Stammland seßhaft wurden und das Christentum annahmen. Die Heinrichsburgen sind selten Neubauten gewesen, häufig wurden ältere, z.T. damals schon verfallenen Anlagen wiederhergestellt und aus-gebaut. Wegen der anhaltenden Bedrohung des Rheinlands durch die Wikinger seit 880, könnte die Befestigung auf dem Rennenberg schon in der Karolingerzeit gepflegt und bemannt worden sein. Und einige Generationen vorher, während der Kriege des fränkischen Königs Karls mit den Sachsen (772-804), lag die hiesige Gegend zwischen den Siedlungsgebieten der sich bekämpfenden Stämme und bot sich als Durchmarschgebiet oder Rückzugsraum an. Die Menschen an den Ufern der Sieg bei Hennef und Bödingen taten gut daran, den Rennenberg zu befestigen, um sich durch das Bröltal ins Bergige und Waldige zurückziehen zu können, wenn sie sich durch Kämpfe in der Rheinebene bedroht fühlten oder eine kriegerische Schar in der Umgebung erschien. Weiter westlich bot der Michaelsberg bei Siegburg oder das Siebengebirge Zuflucht.

Die Rennenburg ist ein Beispiel für die Wiederbenutzung und den Ausbau einer vorgeschichtlichen Ringwallanlage. Strategisch günstig gelegene Plätze behielten unter wechselnden Umständen jahrhundertelang ihre Bedeutung. Nachweislich aus der späten Eisenzeit im letzten vorchristlichen Jahrhundert stammende Wehrbauten in unserer Gegend sind z.B. der Lüderich bei Overath, die Erdenburg bei Bensberg, der Güldenberg in der Wahner Heide oder der Petersberg im Siebengebirge. Wie bei diesen Anlagen fand man auf der Rennenburg Scherben und eine Brandschicht aus dem letzten Drittel des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Viel spricht dafür, daß die Rennenburg zu den Höhenfestungen der germanischen Sugamber gehörte, die um die Mitte des 1. Jahrhunderts v.Chr. errichtet und bald danach wieder aufgegeben wurden. Die Funde geben keinen Aufschluß, ob vor den Sugambern die Rennenburg genutzt wurde. Aber der günstig gelegene Platz auf dem Sporn des Rennenbergs könnte in vorgeschichtlicher Zeit ein befestigter Posten an der Nutscheidstraße gewesen sein, die zu einem verzweigten Netz vorgeschichtlicher Fernstraßen gehörte.
Weitere Informationen zum Text: Richard Jilka, 53809 Ruppichteroth-Beiert


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